
Nur wenige Filme zeichnen den Aufstieg eines Menschen so gewaltig und zugleich so bedrückend wie There Will Be Blood. Paul Thomas Anderson erzählt keine klassische Erfolgsgeschichte, obwohl sein Protagonist Daniel Plainview vom einfachen Silbergräber zu einem mächtigen Ölunternehmer aufsteigt. Hinter dem wirtschaftlichen Triumph verbirgt sich vielmehr die Geschichte eines Mannes, der mit jedem Erfolg einen weiteren Teil seiner Menschlichkeit verliert.
Der 2007 veröffentlichte Film verbindet Familiendrama, Charakterstudie, Gesellschaftskritik und historischen Epos. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Öl und Geld, sondern auch Einsamkeit, Religion, Konkurrenz und die zerstörerische Kraft eines grenzenlosen Ehrgeizes. Dabei erklärt der Film seine Aussagen selten direkt. Viele Bedeutungen entstehen durch Bilder, Blicke, Geräusche und lange Momente des Schweigens.
Diese ausführliche Filmanalyse untersucht die Handlung, die wichtigsten Figuren, die Symbolik und das berühmte Ende von There Will Be Blood. Sie zeigt außerdem, warum der Film bis heute als eines der bedeutendsten Werke des modernen amerikanischen Kinos gilt.
| Label | Information |
|---|---|
| Titel | There Will Be Blood |
| Deutscher Titel | There Will Be Blut (teilweise unverändert verwendet) |
| Erscheinungsjahr | 2007 |
| Genre | Drama |
| Regie | Paul Thomas Anderson |
| Drehbuch | Paul Thomas Anderson |
| Vorlage | Oil! von Upton Sinclair |
| Hauptdarsteller | Daniel Day-Lewis |
| Weitere Besetzung | Paul Dano, Dillon Freasier, Kevin J. O’Connor |
| Laufzeit | 158 Minuten |
| Zentrale Themen | Macht, Gier, Religion, Familie und Kapitalismus |
| Besonderheit | Oscar-prämierter Film mit Daniel Day-Lewis in einer seiner bekanntesten Rollen |
Ein Film über Macht

There Will Be Blood wurde von Paul Thomas Anderson geschrieben und inszeniert. Der Film spielt überwiegend in Kalifornien während des amerikanischen Ölbooms am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Die Geschichte orientiert sich lose an Upton Sinclairs Roman Oil! aus dem Jahr 1927. Anderson übernahm jedoch vor allem die historische Ausgangslage und einzelne Motive. Figuren, Dramaturgie und Ton des Films unterscheiden sich deutlich von der literarischen Vorlage.
Mit einer Laufzeit von rund 158 Minuten nimmt sich der Film ungewöhnlich viel Zeit. Er erzählt langsam, aber niemals zufällig. Jede Pause, jede Landschaftsaufnahme und jede körperliche Bewegung trägt zur Entwicklung der Hauptfigur bei.
Die ersten Minuten kommen beinahe vollständig ohne Dialog aus. Daniel Plainview arbeitet allein in einer Silbermine. Nach einem schweren Sturz schleppt er sich mit gebrochenem Bein über eine große Entfernung, um seinen Fund registrieren zu lassen. Schon diese Eröffnung fasst seinen Charakter zusammen: Er besitzt außergewöhnliche Willenskraft, akzeptiert Schmerzen und lässt sich von keinem Hindernis aufhalten.
Doch seine Stärke hat eine dunkle Seite. Plainview ist nicht nur entschlossen. Er ist bereit, alles seinem Aufstieg unterzuordnen.
Die Handlung
Daniel Plainview beginnt als Silbergräber und steigt später in das Ölgeschäft ein. Bei einer Bohrung kommt ein Arbeiter ums Leben. Plainview nimmt dessen kleinen Sohn auf und erzieht ihn als H.W. Plainview.
Ob Daniel dabei aus Mitgefühl handelt, bleibt offen. H.W. wird zwar zu seinem Begleiter und offenbar auch zu einem wichtigen Menschen in seinem Leben. Gleichzeitig nutzt Plainview den Jungen gezielt bei geschäftlichen Gesprächen. Ein Vater mit Kind wirkt vertrauenswürdiger als ein allein auftretender Unternehmer.
Eines Tages besucht der junge Paul Sunday Plainview und verkauft ihm Informationen über ein Grundstück seiner Familie. Unter der Erde soll sich ein großes Ölvorkommen befinden. Plainview reist mit H.W. zur Sunday-Ranch und gibt zunächst vor, an der Jagd interessiert zu sein.
Schnell erkennt er, dass Pauls Hinweis stimmt. Er beginnt, das Land der Familie und später auch die Grundstücke der Nachbarn zu erwerben. Den Bewohnern verspricht er Straßen, Arbeitsplätze, Bewässerung und Wohlstand. Seine Worte klingen gemeinschaftlich, doch seine wirklichen Absichten sind ausschließlich wirtschaftlicher Natur.
Auf der Ranch begegnet er Eli Sunday, Pauls religiösem Bruder. Eli predigt in der von ihm geführten „Church of the Third Revelation“ und möchte vom Ölgeschäft profitieren. Zwischen ihm und Plainview entsteht ein Machtkampf, der den gesamten Film prägt.
Bei einem Unfall an der Ölquelle wird H.W. durch eine Explosion schwer verletzt und verliert sein Gehör. Während die Bohranlage brennt, betrachtet Plainview fasziniert die gewaltige Flamme. Das Ereignis ist für seinen Sohn eine persönliche Katastrophe, für den Unternehmer jedoch zugleich der Beweis, dass er auf ein enormes Ölvorkommen gestoßen ist.
Plainview kümmert sich zunächst um H.W., kann mit dessen Taubheit und wachsender Wut jedoch nicht umgehen. Schließlich schickt er ihn fort, ohne ihn vorher angemessen darauf vorzubereiten. Diese Entscheidung markiert einen entscheidenden Bruch in ihrer Beziehung.
Später erscheint ein Mann, der behauptet, Daniels verschollener Halbbruder Henry zu sein. Daniel nimmt ihn bei sich auf und öffnet sich ihm auf eine Weise, die er sonst kaum zulässt. Als er erkennt, dass Henry ein Betrüger ist, tötet er ihn. Damit zerstört sich auch seine Hoffnung auf eine echte familiäre Verbindung.
Um eine wichtige Pipeline über das Land eines Kirchenmitglieds bauen zu dürfen, muss Plainview öffentlich der Gemeinde beitreten. Eli zwingt ihn während der Taufe, seine Schuld als Vater einzugestehen. Plainview lässt die Demütigung über sich ergehen, vergisst sie aber nicht.
Viele Jahre später lebt er reich und isoliert in einem großen Anwesen. H.W. ist inzwischen erwachsen, verheiratet und möchte ein eigenes Unternehmen gründen. Daniel reagiert mit verletzender Grausamkeit und behauptet, H.W. sei nur ein Waisenkind gewesen, das er geschäftlich benutzt habe.
Im Finale besucht Eli Sunday den verwahrlosten Ölbaron. Eli benötigt Geld und bietet ihm ein angeblich noch unerschlossenes Grundstück an. Daniel erklärt ihm jedoch, dass das Öl durch benachbarte Bohrungen bereits vollständig gefördert wurde. Danach demütigt und tötet er Eli in seiner privaten Bowlingbahn.
Daniel Plainview
Daniel Plainview gehört zu den komplexesten Figuren des modernen Kinos. Er ist kein gewöhnlicher Bösewicht. Zu Beginn kann man seine Härte durchaus bewundern. Er arbeitet mutig, erträgt Schmerzen und erschafft aus eigener Kraft ein Unternehmen.
Sein Problem liegt nicht im Ehrgeiz allein. Entscheidend ist sein Verhältnis zu anderen Menschen. Plainview sieht fast jede Begegnung als Wettbewerb. Er möchte nicht lediglich erfolgreich sein, sondern seine Konkurrenten scheitern sehen.
In einem seltenen ehrlichen Gespräch gesteht er, dass er einen starken Konkurrenztrieb in sich trägt. Er wolle niemanden sonst erfolgreich sehen und hasse die meisten Menschen. Diese Haltung erklärt viele seiner Entscheidungen. Geld ist für ihn nicht das endgültige Ziel. Es ist ein Mittel, mit dem er Unabhängigkeit, Überlegenheit und Kontrolle gewinnen kann.
Plainview kann durchaus Gefühle empfinden. Seine Beziehung zu H.W. ist deshalb nicht vollständig gespielt. Nach dem Unfall wirkt er beunruhigt, und nach der Rückkehr des Jungen zeigt er echte Freude. Dennoch ist seine Zuneigung an Bedingungen geknüpft. Solange H.W. in sein Lebensmodell passt, behandelt er ihn wie einen Sohn. Sobald der Junge eigene Bedürfnisse und später eigene Ziele entwickelt, erlebt Daniel dies als Verrat.
Seine größte Angst scheint nicht Armut, sondern Abhängigkeit zu sein. Er möchte niemandem vertrauen müssen. Dadurch verhindert er jedoch genau jene Nähe, nach der er insgeheim sucht.
Am Ende besitzt Plainview alles, wofür er gearbeitet hat: Geld, Land, Einfluss und völlige Unabhängigkeit. Trotzdem ist er nicht frei. Er ist gefangen in seinem Hass und lebt allein in einem riesigen Haus, das eher wie ein Grabmal als wie ein Zuhause wirkt.
H.W. Plainview
H.W. ist weit mehr als eine Nebenfigur. Durch ihn wird sichtbar, dass Daniel theoretisch zu Liebe und familiärer Verantwortung fähig wäre.
Als Kind begleitet H.W. seinen Vater zu Geschäftsterminen. Seine Anwesenheit verleiht Plainviews Unternehmen ein familiäres Gesicht. Daniel spricht häufig von einem Familienbetrieb, obwohl H.W. kaum Einfluss auf geschäftliche Entscheidungen hat.
Nach dem Verlust seines Gehörs verändert sich das Verhältnis. H.W. ist auf Kommunikation, Geduld und Unterstützung angewiesen. Daniel ist jedoch ein Mann der Kontrolle und der gesprochenen Überzeugung. Mit einer Situation, die er weder beheben noch vollständig beherrschen kann, ist er überfordert.
H.W. beginnt, seine Umgebung selbstständig zu erkunden, und reagiert aggressiv auf Henry. Vermutlich spürt er, dass der Fremde Daniels Aufmerksamkeit und seine eigene Position verdrängt. Seine Versuche, Henry zu vertreiben, führen schließlich dazu, dass Daniel ihn in eine Schule für gehörlose Kinder schickt.
Dort lernt H.W. die Gebärdensprache und entwickelt eine eigene Identität. Als Erwachsener entscheidet er sich für ein selbstbestimmtes Leben. Gerade dieser gesunde Schritt provoziert Daniel. H.W. entkommt dem Machtbereich seines Vaters und durchbricht damit den Kreislauf aus Kontrolle und Abhängigkeit.
Die letzte Begegnung zwischen beiden ist schmerzhaft, weil Daniel offenbar bewusst jede Möglichkeit einer Versöhnung zerstört. Seine Behauptung, H.W. sei lediglich ein geschäftliches Hilfsmittel gewesen, kann als Mischung aus Wahrheit, Übertreibung und gezielter Verletzung verstanden werden.
Eli Sunday
Eli Sunday erscheint zunächst als moralischer Gegenpol zu Plainview. Er vertritt Religion, Gemeinschaft und geistige Führung. Doch schon bald zeigt sich, dass auch er nach Macht strebt.
Eli verlangt Geld für seine Kirche und möchte die Ölquelle öffentlich segnen. Sein religiöses Amt nutzt er, um Einfluss auf seine Familie und die Bewohner der Umgebung auszuüben. Seine Gottesdienste sind theatralisch. Er inszeniert Heilungen, spricht mit großer Geste und erwartet Unterwerfung.
Der wesentliche Unterschied zwischen Daniel und Eli liegt daher weniger in ihren Zielen als in ihren Methoden. Daniel stützt seine Macht auf Kapital, Arbeit und Besitz. Eli stützt sie auf Glauben, Schuld und soziale Anerkennung.
Beide Männer erkennen im jeweils anderen eine bedrohliche Spiegelung ihrer selbst. Daniel verachtet Elis religiöse Inszenierungen, weil er darin Heuchelei sieht. Eli hasst Daniels wirtschaftliche Dominanz, weil sie seine eigene Autorität begrenzt.
Ihr Konflikt ist kein einfacher Kampf zwischen Unglauben und Glauben. Es ist ein Kampf zwischen zwei Institutionen, die Anspruch auf die Kontrolle derselben Gemeinschaft erheben.
Kapitalismus und Religion
Die Gegenüberstellung von Kapitalismus und Religion bildet das Zentrum von There Will Be Blood. Der Film erklärt jedoch keine Seite zum moralischen Sieger.
Plainview verspricht den Bewohnern Fortschritt. Tatsächlich bringt seine Arbeit Infrastruktur, Einkommen und wirtschaftliche Entwicklung. Gleichzeitig eignet er sich den größten Teil des entstehenden Reichtums an und behandelt Menschen als Mittel zum Zweck.
Eli verspricht geistliche Heilung und Orientierung. Doch auch er verlangt Geld, Anerkennung und Einfluss. Seine Predigten dienen nicht nur dem Glauben, sondern auch seiner eigenen Stellung.
Beide Systeme leben von Versprechen. Plainview verspricht materiellen Wohlstand, Eli verspricht Erlösung. Beide fordern im Gegenzug Vertrauen und Unterordnung.
Besonders deutlich wird dies in der Taufszene. Eli besitzt für einen kurzen Moment Macht über Daniel und zwingt ihn, sich vor der Gemeinde zu erniedrigen. Jahre später kehrt Daniel die Situation um. Nun muss Eli seinen Glauben verleugnen, um Aussicht auf ein Geschäft zu erhalten.
Die beiden Szenen sind spiegelbildlich aufgebaut. In beiden Fällen wird ein persönliches Bekenntnis zur Ware. Schuld und Glaube haben keinen inneren Wert mehr, sondern werden in einem Machtgeschäft eingesetzt.
Das Öl
Öl ist im Film Rohstoff, Symbol und Schicksal zugleich. Es steht für Reichtum und technischen Fortschritt, aber auch für Verschmutzung, Gewalt und moralischen Verfall.
Das Öl kommt aus der Tiefe. Es muss mit gefährlicher Arbeit, schweren Maschinen und körperlichem Risiko aus der Erde geholt werden. Diese Darstellung verhindert, dass wirtschaftlicher Erfolg abstrakt erscheint. Jeder Dollar basiert auf Schmutz, Lärm, Verletzungen und gelegentlich auf dem Tod eines Menschen.
Auch optisch prägt das Öl Daniel Plainview. Sein Gesicht und seine Kleidung sind häufig von dunkler Flüssigkeit bedeckt. Je reicher er wird, desto stärker scheint er innerlich von dem Stoff beschmutzt zu sein, der seinen Aufstieg ermöglicht.
Die brennende Ölquelle gehört zu den eindrucksvollsten Bildern des Films. Das Feuer leuchtet in der Nacht wie eine gewaltige, künstliche Sonne. Für die Arbeiter bedeutet es Gefahr, für H.W. den Verlust seines Gehörs und für Daniel die Aussicht auf unermesslichen Reichtum.
Diese Gleichzeitigkeit ist entscheidend. Plainviews größter geschäftlicher Triumph entsteht im selben Moment wie die persönliche Tragödie seines Sohnes.
Die Landschaft
Die weiten Landschaften erzeugen zunächst ein Gefühl von Freiheit. Doch die Figuren wirken darin klein, verloren und verletzlich. Das Land erscheint leer, wartet aber bereits auf seine wirtschaftliche Ausbeutung.
Plainview betrachtet Landschaft nicht wegen ihrer Schönheit. Er sieht mögliche Vorkommen, Transportwege und Besitzverhältnisse. Für ihn besteht die Natur aus Ressourcen, die entdeckt und kontrolliert werden müssen.
Mit dem Wachstum des Ölgeschäfts verändert sich die Umgebung. Bohrtürme, Maschinen, Schienen und Leitungen ersetzen die offene Landschaft. Fortschritt erscheint nicht als harmonische Entwicklung, sondern als gewaltsamer Eingriff.
Der Film zeigt damit auch die Entstehung des modernen industriellen Amerikas. Reichtum entsteht durch die Umwandlung von Land in Kapital. Was zuvor Heimat, Natur oder Gemeinschaft war, wird vermessen, gekauft und ausgebeutet.
Feuer und Wasser
Feuer begleitet die gewaltsamen Wendepunkte des Films. Es steht für Energie, Zerstörung und die kaum kontrollierbare Kraft des Ölgeschäfts. Besonders die brennende Bohranlage zeigt, wie eng wirtschaftliche Produktivität und Gefahr verbunden sind.
Wasser besitzt eine andere Bedeutung. Plainview verspricht den Gemeinden Brunnen und Bewässerung. Er stellt sich als Mann dar, der Leben und Entwicklung bringt. Tatsächlich interessiert ihn jedoch vor allem das Öl unter dem Boden.
Im berühmten Gleichnis des Milchshakes wird Flüssigkeit erneut zum Bild wirtschaftlicher Macht. Daniel beschreibt, wie er das Öl eines anderen Grundstücks aus der Entfernung absaugen konnte. Die scheinbar kindliche Erklärung verbirgt einen brutalen Grundsatz: Wer über Technik, Kapital und Zugang verfügt, kann sich den Besitz eines Schwächeren aneignen, ohne dessen Grenzen offen zu überschreiten.
Schweigen und Musik
Die Tonspur von There Will Be Blood verstärkt die bedrohliche Wirkung der Bilder. Jonny Greenwoods Musik klingt häufig unruhig, dissonant und beinahe körperlich unangenehm. Sie begleitet nicht einfach die Handlung, sondern erzeugt das Gefühl, dass sich unter der sichtbaren Oberfläche etwas Gefährliches bewegt.
In anderen Momenten verzichtet der Film vollständig auf Musik oder Dialog. Maschinen, Schritte, Wind und das Schlagen von Werkzeugen bestimmen dann den Rhythmus.
Das Schweigen hat mehrere Funktionen. Es verweigert dem Publikum einfache Erklärungen und zwingt dazu, Gesichter und Handlungen genau zu beobachten. Gleichzeitig spiegelt es Daniels emotionale Isolation.
Nach H.W.s Unfall erhält das Schweigen eine weitere Bedeutung. Für den Jungen ist die Welt tatsächlich verstummt. Der Film lässt das Publikum für kurze Momente an seiner eingeschränkten Wahrnehmung teilhaben. Dadurch wird sein Verlust nicht nur erzählt, sondern erfahrbar gemacht.
Die Bildsprache
Kameramann Robert Elswit nutzt breite Landschaftsaufnahmen, lange Einstellungen und kontrollierte Bewegungen. Die Bilder wirken groß und historisch, bleiben aber eng mit Daniels innerem Zustand verbunden.
Zu Beginn befindet sich Plainview häufig inmitten offener Landschaften. Später wird er zunehmend von Innenräumen, Wänden und seinem Besitz eingeschlossen. Sein gesellschaftlicher Aufstieg führt visuell nicht zu größerer Freiheit, sondern zu stärkerer Isolation.
Auch Daniels Körper spielt eine wichtige Rolle. Er stürzt, kriecht, arbeitet und bewegt sich schwer durch die Welt. Selbst als reicher Mann bleibt etwas Körperliches und Gewaltsames an ihm. Seine Macht ist nicht elegant, sondern erkämpft.
Die private Bowlingbahn im Finale wirkt künstlich und leer. Sie ist ein Ort des Wohlstands, aber auch ein unterirdisch anmutender Raum ohne Gemeinschaft. Dort erreicht Daniels Entwicklung ihren Endpunkt.
Die Schauspielkunst
Daniel Day-Lewis gestaltet Daniel Plainview mit einer markanten Stimme, kontrollierten Bewegungen und plötzlichen Ausbrüchen. Seine Darstellung ist groß, wirkt jedoch selten willkürlich.
Plainview verändert seine Sprache abhängig von seinem Gegenüber. Bei Grundstücksbesitzern spricht er ruhig, familiär und überzeugend. Gegenüber Konkurrenten wird seine Stimme härter. In privaten Momenten wirkt sie schwer und beinahe erschöpft.
Paul Dano hält dieser dominanten Darstellung eine bewusst nervöse und theatralische Energie entgegen. Eli ist körperlich weniger beeindruckend als Daniel, versucht diesen Nachteil aber durch Stimme, religiöse Gesten und öffentliche Inszenierungen auszugleichen.
Das Zusammenspiel beider Darsteller macht den Konflikt glaubwürdig. Ihre Figuren kämpfen nicht nur um Land oder Geld, sondern darum, wer definieren darf, was Wahrheit, Schuld und Erfolg bedeuten.
Das Ende erklärt
Das Finale spielt viele Jahre nach den zentralen Ereignissen. Daniel hat wirtschaftlich gewonnen. Er lebt in einem riesigen Anwesen und muss offenbar nicht mehr arbeiten. Dennoch ist sein Zustand erbärmlich.
Zuerst trennt er sich endgültig von H.W. Der Sohn möchte nach Mexiko gehen und ein eigenes Unternehmen gründen. Für Daniel ist diese Entscheidung mehr als ein geschäftlicher Verlust. Er erlebt sie als Konkurrenz und persönlichen Verrat.
Statt seinen Schmerz einzugestehen, greift er H.W.s Herkunft an. Er versucht, die gemeinsame Vergangenheit umzudeuten und jede emotionale Bedeutung ihrer Beziehung zu leugnen. Darin zeigt sich Daniels grundlegendes Muster: Wenn er einen Menschen nicht kontrollieren kann, muss er ihn abwerten oder zerstören.
Danach erscheint Eli. Er ist finanziell gescheitert und hofft auf ein letztes Geschäft. Daniel erkennt sofort die Gelegenheit zur Vergeltung.
Er zwingt Eli, seine religiöse Identität zu verleugnen. Damit wiederholt er die frühere Taufszene mit umgekehrten Rollen. Doch selbst Elis Unterwerfung reicht ihm nicht. Das angebotene Land ist wertlos, weil Daniel das darunterliegende Öl bereits gefördert hat.
Der bekannte Milchshake-Vergleich erklärt nicht nur eine technische Form der Ölförderung. Er fasst Daniels gesamte Lebensphilosophie zusammen. Er sieht die Welt als Wettbewerb um begrenzte Ressourcen. Wer stärker ist, darf alles nehmen.
Nach der Erklärung jagt Daniel Eli durch die Bowlingbahn und erschlägt ihn. Als sein Butler erscheint, sagt Daniel, er sei fertig.
Diese letzte Aussage besitzt mehrere Ebenen. Daniel hat sein Essen beendet. Er hat Eli besiegt. Vor allem aber ist seine persönliche Entwicklung abgeschlossen. Es gibt keine weitere Grenze, die er überschreiten könnte. Er besitzt Reichtum, hat seine Familie vertrieben und seinen letzten großen Rivalen vernichtet.
Sein Sieg ist vollkommen und deshalb vollkommen leer.
Der Titel
Der Titel There Will Be Blood kündigt Gewalt an, meint aber mehr als das sichtbare Blut des Finales. Schon der wirtschaftliche Aufstieg basiert auf Unfällen, Ausbeutung und dem Verlust menschlicher Beziehungen.
„Blut“ verweist außerdem auf Familie. Daniel versucht, eine familiäre Identität aufzubauen, obwohl H.W. nicht sein leiblicher Sohn ist. Später sehnt er sich nach einer Blutsverwandtschaft mit Henry, wird jedoch betrogen.
Der Film stellt damit die Frage, was Familie wirklich ausmacht. Biologische Verbindung garantiert keine Loyalität, während eine nicht biologische Beziehung durchaus echte Nähe enthalten kann. Daniel zerstört allerdings jede Form von Familie, weil er Vertrauen als Schwäche empfindet.
Der Titel kann schließlich auch als Prophezeiung gelesen werden. Wo Macht ohne moralische Begrenzung wächst, wird früher oder später Gewalt folgen.
Die Romanvorlage
Upton Sinclairs Oil! bildet den Ausgangspunkt des Films, doch There Will Be Blood ist keine werkgetreue Verfilmung.
Sinclairs Roman beschäftigt sich ausführlicher mit Politik, Arbeiterbewegung, Korruption und gesellschaftlichen Konflikten. Paul Thomas Anderson konzentriert sich dagegen stärker auf die psychologische Entwicklung des Ölunternehmers.
Auch die Figurenkonstellationen unterscheiden sich. Der Film übernimmt Elemente aus dem Roman, verwandelt sie aber in eine eigenständige Geschichte über Macht, Vaterschaft und Isolation.
Deshalb lässt sich There Will Be Blood am besten als freie Adaption verstehen. Der Film nutzt Sinclairs Welt, entwickelt daraus jedoch eine eigene künstlerische Aussage.
Erfolg und Auszeichnungen
There Will Be Blood wurde von Kritikern besonders für Regie, Kamera, Musik und Schauspielleistungen gewürdigt. Bei der Oscarverleihung erhielt der Film acht Nominierungen.
Daniel Day-Lewis gewann den Oscar als bester Hauptdarsteller. Robert Elswit wurde für die beste Kamera ausgezeichnet. Darüber hinaus war der Film unter anderem als bester Film sowie für Regie, adaptiertes Drehbuch, Schnitt und Szenenbild nominiert.
Die Auszeichnungen erklären jedoch nur einen Teil seines langfristigen Ansehens. Entscheidend ist, dass der Film auch Jahre später intensiv diskutiert wird. Seine Bilder, Dialoge und Figuren haben sich fest in der Filmkultur verankert.
Warum der Film relevant bleibt
There Will Be Blood spielt in einer historischen Epoche, behandelt aber zeitlose Fragen. Wie viel Menschlichkeit darf wirtschaftlicher Erfolg kosten? Wann wird Ehrgeiz zur Selbstzerstörung? Kann Macht jemals ein Ersatz für Nähe sein?
Auch der Konflikt zwischen wirtschaftlichen und religiösen Institutionen bleibt aktuell. Der Film zeigt, wie moralische Sprache dazu verwendet werden kann, persönliche Interessen zu verbergen. Weder Kapital noch Religion sind automatisch zerstörerisch. Gefährlich werden sie, wenn Menschen sie zur grenzenlosen Kontrolle anderer einsetzen.
Daniel Plainview wirkt deshalb nicht wie eine Figur aus einer abgeschlossenen Vergangenheit. Er verkörpert eine Haltung, die Erfolg ausschließlich als Sieg über andere versteht.
Sein Leben widerlegt diese Haltung. Er gewinnt jeden äußeren Wettbewerb und verliert dabei alles, was seinem Erfolg einen menschlichen Sinn geben könnte.
Fazit
There Will Be Blood ist zugleich historisches Drama, Familiendrama und düstere Studie über Ehrgeiz. Paul Thomas Anderson erzählt von der Entstehung eines Ölvermögens, interessiert sich aber noch stärker für den inneren Preis dieses Aufstiegs.
Daniel Plainview beginnt als beeindruckend entschlossener Arbeiter. Schritt für Schritt verwandelt sich seine Entschlossenheit in Besessenheit. Menschen werden für ihn zu Werkzeugen, Gegnern oder Hindernissen. Selbst Liebe kann er nur ertragen, solange sie keine Unabhängigkeit fordert.
Der Film bietet keine einfache Moral und keine beruhigende Erlösung. Er zeigt einen Mann, der alles erreicht und gerade dadurch seine vollständige Niederlage offenbart.
Für Filmfans lohnt sich There Will Be Blood deshalb nicht nur wegen Daniel Day-Lewis’ außergewöhnlicher Darstellung. Die präzise Kameraarbeit, Jonny Greenwoods verstörende Musik, die vielschichtige Symbolik und der Konflikt zwischen Kapital, Religion und Familie machen den Film zu einem Werk, das bei jeder erneuten Sichtung neue Details erkennen lässt.
Am Ende bleibt nicht die Geschichte eines erfolgreichen Ölbarons, sondern das Porträt eines Menschen, der die ganze Welt besitzen wollte und schließlich niemanden mehr an seiner Seite hatte.
Häufig gestellte Fragen zu There Will Be Blood
Basiert There Will Be Blood auf einer wahren Geschichte?
There Will Be Blood erzählt keine vollständig wahre Geschichte. Der Film wurde jedoch lose von Upton Sinclairs Roman Oil! inspiriert und greift reale Entwicklungen des amerikanischen Ölbooms im frühen 20. Jahrhundert auf.
Was ist die zentrale Botschaft des Films?
Der Film zeigt, wie grenzenloser Ehrgeiz, Konkurrenz und Machtstreben einen Menschen innerlich zerstören können. Daniel Plainview wird immer reicher, verliert dabei jedoch seine Familie, sein Mitgefühl und jede echte Nähe zu anderen Menschen.
Was bedeutet das Ende von There Will Be Blood?
Das Ende verdeutlicht Daniels vollständigen moralischen Verfall. Nachdem er Eli Sunday getötet hat, sagt er, er sei fertig. Damit ist nicht nur die Auseinandersetzung beendet, sondern auch seine Entwicklung zu einem völlig isolierten Menschen.
Warum sind Daniel Plainview und Eli Sunday Feinde?
Beide Figuren kämpfen um Macht und Einfluss. Daniel nutzt Geld, Land und wirtschaftliche Stärke, während Eli Religion und gesellschaftliche Anerkennung einsetzt. Sie sind Rivalen, aber zugleich Spiegelbilder voneinander.
Warum gilt There Will Be Blood als Meisterwerk?
Der Film überzeugt durch Daniel Day-Lewis’ intensive Darstellung, Paul Thomas Andersons präzise Regie, Robert Elswits eindrucksvolle Kameraarbeit und Jonny Greenwoods ungewöhnliche Musik. Hinzu kommen tiefgründige Themen und eine vielschichtige Symbolik.
